Durchblick im App-Dschungel: ZTG-Expertin Veronika Strotbaum im Interview

6. Dezember 2018 | Kategorien: Allgemein, Partner/Kooperationen, Publikationen

Quelle: pt – Zeitschrift für Physiotherapeuten – Die Anzahl von Apps auf dem Gesundheitsmarkt ist riesig. Für professionelle Anwender ist es deshalb schwierig, geeignete Anwendungen zu finden und deren Qualität zu bewerten. Veronika Strotbaum ist Expertin für Gesundheits-Apps und Mitglied einer Arbeitsgruppe, die Anwendungen bewertet. Im Interview verrät sie, auf was zu achten ist.

Wie beurteilen Sie die Zuverlässigkeit und Qualität von Gesundheits-Apps bei Ihnen im Institut – insbesondere jene mit therapeutischem Ansatz?

Es gibt eine große Anzahl von Gesundheits-Apps. Einige möchte ich als Leuchttürme bezeichnen: Diese wurden mit Betroffenen und Fachleuten entwickelt. Im Hinblick auf therapeutische Apps gibt es auch ein paar Anwendungen, die von Krankenkassen unterstützt werden. Auf der anderen Seite liegen aber bei vielen Apps auch nur wenige Erfahrungswerte in der breiten Nutzung vor.

Sie nehmen als Indikator also den Aspekt, dass eine App von Krankenkassen unterstützt wird?

Als Indikator würde ich das nicht bezeichnen, sondern als ersten Hinweis, dass es sich um eine „gute“ App handeln kann. Natürlich verfolgen Kostenträger eine Vielzahl von strategischen Schwerpunkten. Man kann allerdings grundsätzlich davon ausgehen, dass eine Krankenkasse eine App nicht einfach ins Blaue hinein unterstützt.

In diesem Zusammenhang würde ich gerne explizit auf die im Beitrag genannte App für Tinnitus-Patienten eingehen: Wie kann es sein, dass die App von Krankenkassen gefördert wird und die Tinnitus-Liga von der App abrät?

Die Thematik ist mir bekannt und wirkt widersprüchlich. Die App war eine der ersten Anwendungen, die von einer Krankenkasse unterstützt wurde. Mittlerweile sind einige andere Kassen nachgezogen und übernehmen die Kosten. Mit der Zeit hat sich herauskristallisiert, dass der therapeutische Nutzen nicht bei allen Tinnitus-Patienten vorhanden ist, und es gibt auch noch keine umfassenden Studien dazu. Man muss aber auch sagen, dass die Anwendung für manche User dennoch unterstützend sein kann und auch eher keine Schädigung durch den Gebrauch der App erwartbar ist, vor allem, wenn dies in regelmäßiger Abstimmung mit dem HNO-Arzt erfolgt. Für eine Krankenkasse können dann andere strategische Überlegungen wichtig sein.

Medizinprodukte werden mit „CE“ gekennzeichnet, die Zentrale Prüfstelle Prävention gibt Apps für die Krankenkassen frei und dann existieren noch Arbeitsgruppen, die auch Siegel vergeben. Inwiefern können User sich an Zertifikaten orientieren?

Die CE-Kennzeichnung bedeutet in erster Linie, dass die Anwendung das Konformitätsverfahren durchlaufen hat. Das heißt nicht automatisch, dass diese App auch für jeden User individuell geeignet ist. Das Siegel zeigt: Dort haben sich Leute intensiver mit einem gesundheitlichen Problem auseinandergesetzt und Hersteller mussten auch schon einiges investieren, um dieses Verfahren zu durchlaufen. Damit sind auch bestimmte Verantwortungen und Haftungsfragen verbunden. Daher kann das CE-Siegel als erster Qualitätsindikator angesehen werden, wobei so ein Siegel natürlich nicht vor einer Fehlanwendung schützt. Ich denke, in Zukunft werden mehr Anwendungen das Konformitätsverfahren durchlaufen, um aus dem Wellness-und Fitnessbereich herauszustechen, und sich in Kernbereichen des Gesundheitswesens zu platzieren versuchen.

DiaDigital ist eine Initiative von der Arbeitsgemeinschaft Technologie und Diabetes. Die Dachorganisation ist die Deutsche Diabetes Gesellschaft. In dieser Arbeitsgruppe sind Ärzte, Diabetesfachkräfte und auch Betroffene. Diese Gruppe beurteilt, ob die Anwendung den medizinischen Zweck erfüllt, ob diese benutzerfreundlich oder auch barrierefrei ist. Wir als Zentrum für Telematik und Telemedizin sind auch Teil der Arbeitsgruppe und bewerten den technisch-rechtlichen Part – zum Beispiel, ob die Datenschutzverordnung eingehalten wird. Wenn die App geeignet ist, erhält die App ein Zertifikat. Sieht die Arbeitsgruppe Optimierungsbedarf, halten wir Rücksprache mit dem Hersteller.

Entsteht durch die Vielzahl von verschiedenen Siegeln nicht noch mehr Verunsicherung?

Aus meiner Sicht ist es unrealistisch, dass es ein behördliches Siegel gibt; es gibt einfach zu viele E-Health-und mHealth-Angebote. Zudem kann eine einzige Institution nicht so viel tiefgründiges Fachwissen bündeln. Wichtig für Anwender ist, den Prüfprozess hinter dem bewertenden Institut anzuschauen. So kann der User schon gut differenzieren, denn es gibt große Unterschiede: Manche Institutionen haben ein sehr kompliziertes, aufwendiges Verfahren, bei anderen ist ein Siegel beispielsweise käuflich zu erwerben.

Auf Initiative der EU-Kommission sollten Qualitätskriterien für die Beurteilung von Gesundheits-Apps entwickelt und 2017 vorgelegt werden. Gibt es dazu einen aktuellen Stand?

Mein letzter Stand ist, dass 2018 eine überarbeitete Fassung vorgelegt wurde. Der erste Entwurf war dazu da, von App-Herstellern, Verbrauchern et cetera kommentiert zu werden. Es gibt nach meinem Kenntnisstand keine offizielle oder auch finale Version. Eine offizielle Mitteilung oder ein Abschlussdokument der EU-Kommission oder des Bundesgesundheitsministeriums liegt zum aktuellen Zeitpunkt nicht vor.

Wie bewerten Sie den Einsatz von Apps in der Physiotherapie?

Ich sehe wenig gesetzliche Hindernisse. Doch bisher gibt es noch nicht viele Apps, die sich in der Therapie etabliert haben. Es gibt einige Anwendungen, die klassische physiotherapeutische Tätigkeiten digitalisieren, zum Beispiel die Anamnese oder Dokumentation. Das wird in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit Standard sein. Weitere Bereiche sind die Fort-und Weiterbildung und die Rehabilitation. In der neurologischen Reha passiert schon einiges: Dort werden Apps als verlängerter Arm des Physiotherapeuten eingesetzt. Heimübungen werden durch spielerische Elemente ergänzt und die Motivation des Patienten gesteigert. Oder Übungen können zu Hause nochmals als Videoanleitung abgerufen werden. Zukünftig kann ich mir auch eine direkte Verbindung des Patienten zu seinem Physiotherapeuten vorstellen. Zum Beispiel wird die Heimübung über eine App aufgezeichnet und durch den Therapeuten ausgewertet. Apps bieten einige Potenziale, um die Rehabilitationsmaßnahmen effektiver und effizienter zu gestalten. Größere Schwierigkeiten sehe ich in der interdisziplinären Zusammenarbeit. Innerhalb der Berufsgruppen ist die Akzeptanz von Anwendungen unterschiedlich, Kompetenzbereiche sind nicht ausreichend geklärt und natürlich steht auch die Frage der Vergütung der einzelnen Akteure im Raum. Es gibt viel Potenzial in der Zusammenarbeit, aber die Umsetzung ist noch sehr schwierig.

Die Evidenz zum Einsatz von mhealth ist noch recht dünn und oft fehlt eine klare Empfehlung für den Einsatz von Apps. Es wird jedoch häufig ein vermeintlicher Nutzen ausgesprochen. Wie ist das zu deuten?

Neue technologische Entwicklungen werden zu Anfang oftmals sehr gehypt, und nur teilweise ist das gerechtfertigt. Ich sehe viel Potenzial in der Anwendung von Apps. Aufgrund der neuen Technologien sind Langzeitnachweise noch nicht vorhanden. Es müssen auch neue Studiendesigns entworfen werden, die methodisch dazu geeignet sind, Apps zu evaluieren. Ein klassischer Nutzennachweis zieht sich über mehrere Jahre dahin; kleine Start-ups, die möglicherweise gute Apps entwickeln, können das finanziell nicht leisten. So langsam wird von finanziellen Entscheidungsträgern aber auch erkannt, dass hier Unterstützung nötig ist.

Warum werden aus Ihrer Sicht mHealth-Anwendungen im professionellen Bereich Einzug halten?

Die Digitalisierung schreitet im Gesundheitswesen wie auch in anderen Bereichen voran. Daher werden auch mHealth-Anwendungen Einzug halten. Die Digitalisierung ist nur ein Mittel und wird die Probleme im Gesundheitswesen nicht vollständig lösen. Es benötigt Prozesse zur Zusammenarbeit der verschiedenen Berufsgruppen und Sektoren. Ein Vorteil von digitalen Anwendungen ist beispielsweise, dass Gruppen mit einer Behinderung oder ältere Menschen neue Inklusionsmöglichkeiten erhalten. Wenn sich Therapeuten oder auch andere Heilberufe mit den Möglichkeiten von Anwendungen beschäftigen, stärken sie auch ihre eigene Stellung und werten ihren Status auf. Das gilt für den Einzelnen und auch für Verbände. Ansonsten ist damit zu rechnen, dass große internationale Konzerne eine gewisse Steuerung übernehmen und damit andere Interessenschwerpunkte, zum Beispiel monetäre Aspekte, priorisiert werden.

2018_11_pt_Autorenabdruck_Veronika Strotbaum