Das vergessene Land: Wie Telemedizin Ärzten und Patienten neue Möglichkeiten eröffnet

30. April 2018 | Kategorien: Allgemein, Partner/Kooperationen

Quelle: politik-digital.de – Vielerorts sind ländliche Arztpraxen überlaufen und können ihre dringend benötigten Kapazitäten wegen akutem Ärztemangel nicht weiter ausbauen. Auf dem Land gibt es zu wenige Allgemeinärzte, ganz zu schweigen von Fachärzten. Besonders ältere Landbewohner mit eingeschränkter Mobilität sind auf eine ausreichende medizinische Versorgung angewiesen. Digitale Lösungen können hier Abhilfe schaffen.

Der demografische Wandel spiegelt sich nicht nur im Durchschnittsalter der Landbewohner wider, sondern auch in der Zahl der Landärzte, die sich ihrem Ruhestand annähern. „Bis zum Jahr 2020 gehen rund 50.000 niedergelassene Ärzte in den Ruhestand“, so die Welt. Für Landbewohner ist diese Entwicklung dramatisch. Die selektive Abwanderung hat zur Folge, dass immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen in die Städte ziehen. So auch die Mediziner. Der Ärztemangel auf dem Land trägt neben dem breiteren Angebot an Arbeitsplätzen und Bildungschancen in Städten zur Landflucht bei.

Telemedizin als Ausweg?

Telemedizin ist der Einsatz von Informations- und Kommunikationstechniken, mit deren Hilfe Ärzte ihre Patienten unter räumlicher und zeitlicher Distanz behandeln können. Es soll das medizinische Fachpersonal bei ihrer Arbeit unterstützen, nicht ersetzen. Durch den Einsatz neuer Medien wie Videochats beschränkt sich der Direktkontakt zwischen Arzt und Patient auf die Fälle, in denen er wirklich erforderlich ist. Auch Rezepte kann der Arzt per Telemedizin einfach an die nächste Apotheke senden, sodass der Patient den weiten Weg zur Praxis vermeiden kann. Telemedizin ersetzt keine Behandlung, sie unterstützt lediglich die Beratung und Versorgung der Patienten.

Parallel vereinfacht Telemedizin die Vernetzung zwischen den Ärzten. Medizinische Befunde werden unter dem Fachpersonal ausgetauscht und Ärzte sowie Patienten können sich durch einen weiteren Spezialisten eine zweite Meinung einholen. Durch „Telemonitoring“, also Fernuntersuchung,-diagnose und –überwachung reduziert sich der Aufwand in Krankenhäusern, da die Fernüberwachung der Patienten durch digitale Dienste erfolgen kann.

Entwicklung in Deutschland: E-Health Gesetz und Gesundheits-Apps

In Deutschland steht die Telemedizin noch am Anfang. Neben der technischen Ausstattung müssen auch die gesellschaftlichen Gegebenheiten berücksichtigt werden.
Viele ältere Patienten sind noch nicht digital angebunden. Um telemedizinische Behandlungsformen zu nutzen, muss ihnen der Umgang mit neuen Medien vermittelt werden. Schulungen sind erforderlich, um Ärzten als auch Patienten einen einfachen Einstieg in die Telemedizin zu ermöglichen. Darüber hinaus ist die Haftbarkeit bei einer Fehldiagnose und die Vergütung der Behandlung noch unzureichend geregelt.

„Es werden zum Teil hohe Maßstäbe angelegt, die auch einfache telemedizinische Verfahren in den Rang innovativer Medikamente rücken. Das heißt, die für die Gesundheitsleistungen zuständigen Organisationen verlangen für auch noch so einfache Anwendungen einen extrem anspruchsvollen wissenschaftlichen Nachweis für den Nutzen“, so Prof. Dr. med Gernot Marx, Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care an der Uniklinik RWTH Aachen, Mitglied im ZTG-Forum Telemedizin und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Telemedizin e. V. (DGTelemed). Die DGTelemed ist ein Netzwerk und Lobbyverband der Telemedizin in Deutschland und Europa. Zu seinen Mitgliedern zählen Krankenhäuser, Hochschulen, Krankenkassen, ärztliche Körperschaften und andere Akteure mit dem Ziel, telemedizinisches Potential nutzbar zu machen.

Dass sich die Umsetzung in Deutschland als schwierig erweist, zeigt sich auch in der Berufsordnung der Landesärztekammern. Diese untersagt Ferndiagnosen zwischen Arzt und Patienten. Eine Ausnahme ist Baden-Württemberg. Dort wurde diese Regelung für erste Pilotprojekte gelockert. „Erstmals in Deutschland gestatten wir, dass ärztliche Behandlungen ausschließlich über Kommunikationsnetze durchgeführt werden“, berichtet Ulrich Clever, Präsident der Landesärztekammer in Baden-Württemberg. Die Forderung vieler Mediziner auf dem kommenden deutschen Ärztetag in Erfurt lautet: Eine Neuformulierung und Anpassung der Berufsordnung, sowie die Modernisierung des Fernbehandlungsverbotes.

Ein Anbieter solcher Dienste ist Teleclinic. Durch Telefonate und Chats stehen Patienten rund um die Uhr in Kontakt mit medizinischem Fachpersonal. Teleclinic darf an privat-versicherte Patienten aus Baden-Württemberg Rezepte ausstellen.

„Hallo Sarah, ich bin hier um zu helfen. Starte einfach einen neuen Fall“. Das Berliner Startup „Ada Health“ entwickelte ein App, um Menschen bei ihren Symptomen zu beraten und gegebenenfalls herauszufinden, ob es notwendig ist, einen Arzt aufzusuchen. Der Assistent analysiert und vergleicht die vom User eingegebenen Daten und bietet dabei eine Entscheidungshilfe für die Patienten an. Aber auch Ärzte können die neue App nutzen. Ada ist nach Angaben der Anbieter in der Lage, 1.500 Krankheitsbilder und 200 seltene Krankheiten zu erkennen, mehr Diagnosen als ein einzelner Arzt stellen kann.

In Deutschland verläuft die Etablierung von Gesundheits-Apps langsamer als in anderen Ländern, auch aufgrund des Datenschutzes. Die derzeit geltenden Regulierungen zum Thema E-Health und Telemedizin sind sehr streng, sodass das Berliner Startup in anderen Ländern erfolgreicher als in Deutschland ist.

Das von der Bundesregierung im Jahr 2015 erlassene E-Health Gesetz deutet einen Wandel an. „Das Gesetz für sichere digitale Kommunikation und Anwendungen im Gesundheitswesen (E-Health-Gesetz) enthält einen konkreten Fahrplan für die Einführung der digitalen Infrastruktur mit höchsten Sicherheitsstandards im Gesundheitswesen und nutzbringender Anwendungen auf der elektronischen Gesundheitskarte“, so das Gesundheitsministerium. Ziel ist, bis zum Ende 2018 alle Arztpraxen, Krankenhäuser und Apotheken an das digitale Infrastrukturnetz anzuschließen. Neben einem elektronischen Patientenfach, auf das jeder Patient Zugriff hat, einer elektronischen Patientenakte, in die verschiedene Ärzte Einsicht haben, soll die elektronische Gesundheitskarte mit wichtigen Notfalldaten des Patienten flächendeckend eingeführt werden. In Ländern wie Schweden oder der Schweiz ist der Einsatz von Telemedizin schon heute Teil der erfolgreichen gesundheitlichen Grundversorgung.

Herausforderungen

Durch Telemedizin oder Gesundheits-Apps geben Patienten private Informationen über sich preis, die sie bisher nur ihrem Arzt persönlich anvertraut haben. Daher muss sichergestellt werden, wer die Daten organisieren und einsehen darf. Arztpraxen und Krankenhäuser müssen sich vor Hackerangriffen schützen. Deshalb muss eine umfangreiche Aufklärungsarbeit in diesem Bereich erfolgen. Zugleich birgt der Einsatz neuer Techniken Gefahr, das Arzt-Patienten-Verhältnis zu verschieben. Durch den nicht-persönlichen Kontakt verliert die individuelle Beratung und Betreuung an Bedeutung.

Auch Krankenkassen stehen vor der Aufgabe, die digitale Transformation umzusetzen. „Die wichtigsten Herausforderungen bestehen darin, kluge und gute Regelungen für die Finanzierung und Vergütung von telemedizinischen Leistungen zu finden“, so Rainer Beckers, Geschäftsführer der ZTG GmbH (Geschäftsbereich Telemedizin).

Ja, Telemedizin führt zu einer Veränderung in der medizinischen Grundversorgung. Der persönliche Kontakt zwischen Arzt und Patient und die individuelle Betreuung ist bisher ein großer Einwand gegen den Einsatz telemedizinischer Versorgung. Möglich ist aber auch, dass die Betreuung an Qualität gewinnt, da die Mediziner durch telemedizinische Behandlungsmethoden mehr Zeit für den Patienten zur Verfügung haben.

Besondere Herausforderungen hierbei sind die Ausstattung mit technischen Geräten, eine gute und sichere Internetverbindung, Datenschutz und klare Richtlinien. All diese Forderungen werden noch einige Zeit in Anspruch nehmen, telemedizinische Behandlungsformen in der medizinischen Grundversorgung zu verankern. Doch sollte das mittlerweile nicht möglich sein? In der heutigen Zeit entstehen ständig neue Innovationen und Konzepte durch die digitale Transformation. Wieso nicht auch in der Medizin? Für Landbewohner kann die neue Behandlungsform von großem Nutzen sein. Ältere und chronisch kranke Menschen sind nicht mehr auf die Hilfe anderer beim Arztbesuch angewiesen und müssen wegen ihres gesundheitlichen Zustandes nicht in die Stadt umziehen. Die Digitalisierung ist längst im Gesundheitswesen angekommen. Nun ist es Zeit diese auch umzusetzen.